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VIA, 1/2000
Die schnelle Geisterbahn von Bern
Wie vor 50 Jahren ein Studentenstreich glimpflich ablief
Vor
bald fünfzig Jahren, in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1950, verliessen elf aktive Mitglieder einer
Studentenverbindung den Gasthof «Sternen» in Muri bei Bern zu vorgerückter Stunde. Sie müssen sich nach dem
Beizenbesuch in ziemlich heiterer und unternehmungslustiger Stimmung befunden haben: So richtig aufgelegt zum Rösser
stehlen. Da waren aber keine Pferde. Dafür stand ein alter Gepäcktriebwagen einsam und verlockend auf dem Gleis der
Vereinigten Bern-Worb-Bahnen (VBW). Und weil die letzte Bahn zurück nach Bern schon längst abgefahren war, kamen die
Studenten auf die Idee, das Fahrzeug zum Gebrauch zu entwenden. Sie hofften, auf diese Weise bequem in die Stadt zu
gelangen. Doch das störrische Vehikel tat keinen Wank, nicht einmal, als die Studenten den Stromabnehmer zur
Fahrleitung angehoben hatten. Der Grund: Die VBW schalteten den Strom während der Nacht aus Sicherheitsgründen aus.
So strebten die angehenden Akademiker wohl eher übel als wohl - zu Fuss ihren Buden zu, und es ist
nicht anzunehmen, dass sie am nächsten frühen Morgen schon wieder auf den Beinen waren, um die Spätfolgen ihres
misslungenen Streichs mitzuerleben. Bei Betriebsbeginn der VBW setzte sich der Triebwagen wie von Geisterhand gelenkt in
Bewegung, da nun der Strom zu fliessen begann. Auf dem flachen ersten Streckenteil ging alles gut; es herrschte damals
nur wenig Verkehr, sodass es auf den Kreuzungen beim Burgernziel und dem Thunplatz zu keinem Zwischenfall kam.
Doch dann erreichte die Geisterbahn die abschüssige Thunstrasse und wurde immer schneller. Sie bekam
«Gümu», wie die Berner sagen. Das vierzig Jahre alte Vehikel überschritt seine zulässige Höchstgeschwindigkeit von
50 km/h mühelos und deutlich. Am Schluss erreichte es Tempo 70. Bei der Endstation Kirchenfeld nahm die Schussfahrt ein
jähes Ende. Der rasende Triebwagen entgleiste auf der Einfahrweiche. Er prallte an einen Baum, schlingerte neben dem
Stationsgebäude vorbei und knallte in den Brunnen des Welttelegrafendenkmals auf dem Helvetiaplatz. Das Monument für
die internationale Organisation wurde zum Prellbock für die Berner Vorortsbahn. Die Geisterfahrt des «Blauen
Bähnlis» ging alles in allem höchst glimpflich aus. Der Brunnen war bald repariert, nur der bös havarierte
Triebwagen war nicht mehr zu retten. Er endete auf dem Schrotthaufen.
Als Ersatz finanzierten die Altherren der Studentenverbindung, die sich an eigene Studentenzeiten
erinnert haben mögen, den Kauf eines Ersatzfahrzeugs, das seinerseits schon längst ausgemustert ist. Auch sonst ist
einiges anders geworden. Die VBW sind heute Bestandteil des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS). Der Einsatzbereich
der Trambahn ist über die Kirchenfeldbrücke bis zum Zytglogge verlängert worden. Wer weiss, vielleicht fährt das
«Muribähnli» in einigen Jahren oder Jahrzehnten sogar noch bis vors Bundeshaus oder bis zum Hauptbahnhof. Pläne dazu
gibt es seit Jahrzehnten. aber in Bern dauert manches halt etwas länger und nur selten geht es so schnell wie an jenem
Morgen des 17. Mai 1950.
Werner Neuhaus/pk
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